Wenig Geld – viel Vereinbarkeit

Die Wirtschaftsförderung macht es vor: Starke Netzwerke und enge Kooperation schaffen auch mit begrenzten finanziellen Mitteln innovative Angebote für ihre Familien vor Ort. Davon profitiert der ganze Standort.

 

Bild zeigt: Erzieherin mit Kindern
Workshops für Familien: Das Staatliche Museum ist Partner des Schweriner Bündnisses für Familie.
Quelle: Gabriele Bröcker, Staatliches Museum Schwerin

Netzwerken ist für Marco Woldt alltägliches Geschäft. Bei der IHK zu Schwerin arbeitet er im Geschäftsbereich Standortpolitik. Unter anderem berät er Unternehmen, die Fachkräfte suchen und vermittelt sie an die richtigen Ansprechpartner weiter, wenn die IHK selbst nicht weiterhelfen kann. Zudem koordiniert er die Wirtschaftsjunioren Schwerin, das Netzwerk ehrenamtlicher, junger Unternehmer und Führungskräfte für Westmecklenburg. Im Schweriner Bündnis für Familie betreut er den Arbeitskreis „Standortfaktor Familienfreundlichkeit“ und bindet dort ebenfalls die Wirtschaftsjunioren aktiv mit ein.

Vereinbarkeit ist Teil seines Stellenprofils. Mehrere große Zulieferer der Luftfahrtindustrie, die Ernährungswirtschaft, kunststoffverarbeitende Unternehmen und eine wachsende IT-Branche machen Schwerin beliebt bei jungen Familien. 2016 kamen hier rund 1.350 Babys zur Welt – ein Fünftel mehr als 2013. Vereinbarkeit sei daher ebenso wichtig wie Forschungsförderung oder der Ausbau neuer Technologien, sagt Marco Woldt. „Das Fachkräftethema beschäftigt uns. Wir wollen eine Region sein, in der sich Familien mit all ihren Belangen willkommen und geschätzt fühlen. Auch das macht uns als Standort attraktiv.“

Standortpolitik betreiben die Kommunen, um möglichst viele Unternehmen, Investoren und Existenzgründer anzuziehen und langfristig zu halten. Die Anzahl und Qualität verfügbarer Gewerbeflächen spielt dabei eine Rolle, die Steuerlast, die Verkehrsanbindung und Infrastruktur sowie die Unterstützung von Politik und Institutionen vor Ort.

Wo gut ausgebildete Fachkräfte Mangelware werden, geraten zunehmend auch Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und Lebensqualität in den Blick. Wie gut ist eine Region in der Lage, langfristig die benötigten Fachkräfte zu stellen? Je überzeugender die Antwort auf diese Frage ausfällt, desto attraktiver ist die Region für die Wirtschaft.

So ist der Babyboom in Schwerin Chance und Herausforderung zugleich. Nach der Wiedervereinigung sind die Einwohnerzahlen deutlich gesunken – und damit die Schlüsselzuweisungen für den Haushalt der Stadt. Seit 2012 steigt die Zahl der Einwohner auch durch den Zuzug junger Familien wieder leicht an. Mehr Kinder bedeuten jedoch nicht automatisch mehr Geld für die Vereinbarkeit. Das Schweriner Bündnis für Familie hat sich daher auf eine klare Linie verständigt: „Wir wollen, dass jeder seine Ressourcen so gut wie möglich einsetzt. Am Ende soll die beste Lösung entstanden sein, die unter den gegebenen Bedingungen möglich war“, sagt der Unternehmer Steffen Himstedt, Bündnismitglied und Regionalbotschafter für das Land Mecklenburg-Vorpommern des Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“.

Das genaue Wissen um die Bedürfnisse der Familien sei dabei entscheidend – und die Vernetzung der vielen Akteurinnen und Akteure, die an der Vereinbarkeit vor Ort beteiligt sind. Dazu zählen Verwaltung und Stadtparlament, freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe, Sozialverbände, Kitas, Krankenkassen, Museen, Unternehmen und Wirtschaftsverbände wie Handwerkskammer und IHK zu Schwerin. Sie alle gehören in Schwerin dem Lokalen Bündnis an, das ehrenamtlich durch das Seniorenbüro koordiniert wird.

Für sich allein könne jeder allenfalls Insellösungen schaffen, sagt Steffen Himstedt. „Mittlerweile haben fast alle Unternehmen flexible Arbeitsmodelle im Angebot. Wir haben in Schwerin aber viele Alleinerziehende im Schichtbetrieb. Da brauchen wir Möglichkeiten, die Betreuung anzupassen.“

Die entsprechenden Ansprechpartner hat das Lokale Bündnis für Familie. Dort erwogen und verwarfen Stadt und Wirtschaft viele Ideen, bis das Jugendamt 2009 einen Weg fand, eine der ersten 24-Stunden-Kitas in Deutschland zu eröffnen. Bis Ende 2018 soll es vier solcher Einrichtungen geben, in denen Eltern die Betreuung ihrer Kinder an ihren Schichtplan anpassen können.

Eine andere Initiative war das Stillcafé „Mama Chocolate“. „Wir wussten, dass sich Eltern einen Treffpunkt wünschen. Also haben wir die Gründerin intensiv bei der Konzeption, bei der Standortwahl und bei der Suche nach Zuschüssen begleitet“, sagt Marco Woldt. „Mama Chocolate“ läuft seit fünf Jahren nahezu wie von selbst.

Die mehr als 50 Partnerinnen und Partner des Lokalen Bündnisses würden in die Bündnisarbeit vor allem Zeit und Herzblut investieren, sagt der Standortförderer der IHK. „Das wichtigste ist, im richtigen Moment die richtigen Menschen zusammenzubringen und mit den richtigen Informationen zu versorgen. Ein gutes Netzwerk lässt sich mit Geld gar nicht aufwiegen.“

Diese Erfahrung hat auch das Lokale Bündnis in Neu Wulmstorf gemacht. Die 20.000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Harburg profitiert von der boomenden Wirtschaft in und um Hamburg. Immer mehr Familien ziehen deshalb zu. Und die Frage kam auf: Was, wenn sich Meetings bis nach Kita-Schluss ziehen oder der Nachmittagsstau für Verspätungen sorgt?

„Große Unternehmen mit einer eigenen Betriebs-Kita haben hier vielleicht Spielraum“, sagt Marco Wagner, Geschäftsführer Personal und Arbeitsdirektor bei Airbus in Hamburg und Regionalbotschafter für das Land Niedersachsen bei „Erfolgsfaktor Familie“. Zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland jedoch arbeiten bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). „Diese haben meistens nicht die Kraft, eine eigene Lösung zu schaffen und sind auf die Netzwerke an ihrem Standort angewiesen.“

In Neu Wulmstorf heißt die Lösung B.E.N. – und ist der Betreuungs-Engpass-Notruf der Gemeinde. Ein Anruf oder eine SMS genügen und die acht ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer im Landkreis rücken aus. Sie holen die Kinder aus der Einrichtung, drehen eine Runde auf dem Spielplatz oder bringen sie gleich nach Hause. „Oft geht es ja nur um ein paar Minuten“, sagt Bündniskoordinatorin Nicole Krüger. Gerade Zugezogene geraten aber auch dann in einen Engpass, wenn die Geburt eines zweiten oder dritten Kindes ansteht. Dann ist B.E.N. für die älteren Geschwister da, solange die Eltern im Kreißsaal sind.

Die Idee zu B.E.N. kam im Rahmen des Modellprojekts „Kommunale Familienzeitpolitik“ des Bundesfamilienministeriums. „Wir hatten von verschiedenen Seiten immer wieder gehört, wie sehr Eltern bei unvorhergesehenen Notfällen unter Druck geraten. Da wollten wir etwas tun“, sagt Nicole Krüger. Am Ende sei B.E.N. sogar leichter zu organisieren gewesen, als sie erwartet habe: Die Eltern registrieren sich einmal und füllen dabei einen Fragebogen zu ihren Kindern aus. Die Schichten am Notfalltelefon organisiert eine Kleinst-Kita in Eigenregie. Über Kitas, Kinderärzte und Spieleinrichtungen erfahren die Eltern von dem Angebot. „Wir haben da mittlerweile keinen Aufwand mehr“, so Nicole Krüger. Besonders innovativ: Das Thema Pflege ist mitbedacht. Es sei absehbar, dass die Nachfrage in einigen Jahren wachsen wird, sagt die Koordinatorin des Neu Wulmstorfer Bündnisses. „Dann nehmen wir nach dem gleichen Prinzip Menschen hinzu, die kurzfristig pflegebedürftige Angehörige betreuen.“

Kosten für die Kommune: Keine! 8,50 Euro pro Stunde zahlen die Eltern für die Notfallbetreuung. Marco Wagner dazu: „Für die Vereinbarkeit eines ganzen Standortes sind Initiativen wie B.E.N. unbezahlbar.“

Teile:
###POPUP###