„Wir wollen ein Bündnis für alle sein"

Neu und alt, Stadt und Land, Ost und West: Familie leben. hat zwei Lokale Bündnisse zum Doppelinterview gebeten. Wie funktioniert Familienfreundlichkeit in der Industriestadt Chemnitz, wie in Aurich in Ostfriesland? Ein Gespräch über Kitaplätze, Fachkräfte und die Herausforderung, ganz unterschiedliche Partner zusammenzuhalten.

 

Bild zeigt: Das Lokale Bündnis für Familie in Aurich
Starkes Team: Im Juni 2017 wurde das Lokale Bündnis für Familie in Aurich gegründet.
Quelle: Lokales Bündnis für Familien Aurich

Das Lokale Bündnis für Familie in Chemnitz gibt es seit 2005, das Lokale Bündnis für Familien Aurich erst seit diesem Jahr. Wie kam es jeweils zur Bündnisneugründung?

Cornelia Schwegler (Chemnitz): Das ging damals vom DGB aus, der sich in Chemnitz schon 2005 stark für die Familienfreundlichkeit engagiert hat. Als das Bundesfamilienministerium aufrief, die Lokalen Bündnisse zu gründen, hat der DGB dafür Mitstreiter gesucht. Von denen sind eigentlich bis heute noch alle dabei.

Sandra Grau (Aurich): Wir haben in Aurich 2015 das Familienzentrum gegründet. Dort bündeln wir alle Initiativen, die sich an die Familien in unserer Stadt richten. Wir haben schnell festgestellt, dass viele Vereine gute Angebote machen, sich aber untereinander wenig kennen oder austauschen. Das wollen wir mit dem Lokalen Bündnis ändern. Zu unserer Infoveranstaltung Ende 2016 waren immerhin 60 Interessenten da. Am Ende haben alle gesagt: Super, das machen wir.

Haben Sie für Ihre Bündnisarbeit so etwas wie eine Leitidee?

Grau: Zu unserem Namen gehört der Satz: „Wir sind Aurich“. Das trifft es sehr gut. Wir wollen ein Bündnis für alle sein, egal ob soziale Einrichtung, Unternehmen oder Stadt. Wir versuchen, Transparenz zu den einzelnen Angeboten herzustellen. Ansonsten wollen wir schnell und unbürokratisch helfen, wo auch immer das nötig ist.

Schwegler: So ist das bei uns auch. Wir haben 2012 ein richtiges Leitbild formuliert. Es heißt „Familienfreundlichkeit für Chemnitz“. Wir wollen Transparenz schaffen für Angebote und ein Diskussionsforum für die gesamte Bandbreite möglicher Ideengeber sein. Dazu zählen Zivilgesellschaft, Politik, Religionsgemeinschaften, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft.

Chemnitz war einst ein wichtiger Industriestandort und ist die drittgrößte Stadt in Sachsen, Aurich eine Landkommune im Herzen Ostfrieslands. Was sind denn die Themen, die Sie als Bündnis auf der Agenda haben?

Grau: Wir sind in der glücklichen Lage, dass Aurich eine relativ wohlhabende Stadt ist. Bei Kitas, Krippenplätzen oder Ferienangeboten haben wir eine super Grundlage. Aber Mobilität ist ein großes Thema. Bei uns kommen Sie nur zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem eigenen Auto weg. Außerdem ist es für werdende Eltern zudem sehr schwer geworden, eine Hebamme zu finden. Flexible Angebote in der Kinderbetreuung, vor allem in den Randzeiten, sind eine Herausforderung. Und sicher geht es bei uns auch um Rollenbilder. Hier auf dem Land ist es noch immer üblich, dass Frauen zu Hause bleiben oder geringfügig hinzuverdienen. Dabei haben wir in einigen Bereichen einen Fachkräftemangel, im Handwerk etwa, oder auch im Tourismus und in der Gastronomie.

Schwegler: In Chemnitz hätte 2005 niemand damit gerechnet, dass wir 2017 einen Engpass an Kita- und Schulplätzen haben werden. Aus DDR-Zeiten haben wir ja eigentlich eine gute Infrastruktur. Dachten wir jedenfalls. Aber dann hat sich herausgestellt, dass die Prognosen, mit denen die Stadt geplant hatte, falsch waren. Außerdem gibt es einen Zuwachs in Branchen wie der IT-Industrie. Nun fehlen uns fünf bis sechs Kitas, die noch nicht gebaut sind. Das Thema Pflege spielt heute auch eine viel größere Rolle, als in der Anfangszeit des Lokalen Bündnisses.

Grau: Ja, die Versorgung älterer Menschen ist auch bei uns wichtig. Wir haben eine Arbeitsgruppe zu der Frage, wie wir zentrumsnahes Wohnen bezahlbar halten.

Schwegler: Und wir merken ebenfalls einen Engpass bei der Hebammenversorgung. Also haben wir offenbar ganz ähnliche Themen, auch wenn wir hier und da den Fokus anders setzen.

Grau: Ja, deshalb ist es bei Förderprogrammen so wichtig, dass die Regionen individuelle Schwerpunkte wählen können.

Viele der angesprochenen Herausforderungen lassen sich ja nur im Zusammenspiel aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Initiativen lösen. Haben Sie aus Ihrer Arbeit ein Beispiel, wo das funktioniert hat?

Schwegler: Die TU Chemnitz ist bei uns einer der größten Arbeitgeber. Dort veranstalten wir ein- bis zweimal pro Jahr einen Pflegetag für die Mitarbeitenden, um auf einen Blick die gesamte Brandbreite an Angeboten und Einrichtungen darzustellen. Da haben wir viele Partner im Boot, auch das Demenznetzwerk der Stadt ist mit dabei.

Grau: Wir wollen in Aurich eine Hebammenzentrale gründen. Für die Eltern gibt es dann nur noch eine Anlaufstelle, wo alle Hebammen mit ihren jeweiligen Kapazitäten verzeichnet sind. Da haben wir die Hebammen, Eltern, aber auch den Sozialausschuss der Stadt dabei. Seit kurzem gibt es auch eine Regionalgruppe der Initiative Mother Hood für eine sichere und selbstbestimmte Geburt. Da haben die richtigen Akteure zusammengefunden.

Inwieweit arbeiten Sie auch mit Unternehmen zusammen?

Schwegler: Wir teilen uns die Koordination des Lokalen Bündnisses mit der IHK Chemnitz. Mein Eindruck ist, dass wir bei den Unternehmen offene Türen einrennen. Sie merken ja auch, wie schwer es gerade für zugezogene Beschäftigte ist, einen Betreuungsplatz für ihre Kinder zu finden. Wir haben 2015 erstmals einen Preis für familienfreundliche Unternehmen verliehen und wollen daran festhalten. Zum Aktionstag 2017 haben wir ein Unternehmensfrühstück veranstaltet. Auch das werden wir fortsetzen.

Grau: Wie halten Sie denn in Chemnitz das Thema dauerhaft auf der Agenda? Bei uns ist es so, dass die Unternehmen und Betriebe oft schon in fachbezogenen Netzwerken organisiert sind. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sehen zwar den Bedarf, haben aber nicht die Kapazität, sich selber im Netzwerk zu engagieren.

Schwegler: Das beobachten wir in Chemnitz so auch. Bei unserem Unternehmenspreis war es viel schwieriger, die KMU zu gewinnen. Die Global Player haben sich zuerst beworben. Da muss man einfach dran bleiben. Am besten funktioniert das bei uns über konkrete Themen, Kitaplätze zum Beispiel, Pflege oder die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Das beschäftigt die Unternehmen. Es ist wichtig, dort einen greifbaren Mehrwert zu schaffen. Die Unternehmen haben einen Vorteil, wenn sie sich austauschen können, ohne das selber organisieren zu müssen. Außerdem machen wir ihr Engagement sichtbar, über Best-Practice-Beispiele oder den Unternehmenspreis.

Grau: Über einen solchen Preis haben wir auch schon nachgedacht. Aber als erstes müssen wir herausfinden, was genau die Bedarfe unserer Unternehmen sind.

Eine weitere Frage, die Sie beide am jeweils anderen Bündnis interessiert: Wie organisieren Sie die Bündnisarbeit?

Schwegler: Wir sind ein offener Zusammenschluss mit ganz unterschiedlichen Partnern. Die Stadt ist dabei, die IHK, die TU, der Stadtsportbund, ein großes Energieunternehmen, aber auch Akteure aus der Sozialarbeit. Jeder der will, kann einfach dazu kommen. Die Partner müssen aber eine Erklärung unterschreiben, dass sie unser Leitbild teilen.

Grau: Haben Sie auch Arbeitsgruppen?

Schwegler: Ja, wir haben eine Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit, und jeweils eine Arbeitsgruppe zu jeder Veranstaltung die wir umsetzen. Dazu finden sich dann die einzelnen Partner bereit.

Grau: Dann arbeiten wir ja doch recht ähnlich. Auch wir sind ein offener Zusammenschluss, dem im Moment so 25 bis 30 Partner angehören. Das sind zum Teil auch Privatpersonen, die sich engagieren. Wir haben fünf aktive Projektgruppen und drei Koordinatoren.

Haben Sie in Chemnitz im Laufe der Jahre die Organisation verändert?

Schwegler: Unser Bündnis hat zwei Koordinatoren, die ursprünglich einmal im Jahr wechseln sollten. Das hat sich aber als nicht so praktisch erwiesen, da eine gewisse Kontinuität wichtig ist. Jetzt liegt die Koordination schon seit einer Weile bei denselben Personen.

Wie machen Sie denn deutlich, dass es bei aller Offenheit der Bündnisse auch um konkrete Ergebnisse geht?

Grau: Wir erstellen gerade unsere Website, auf die wir uns schon sehr freuen. Dort zeigen wir, wer wir sind, was wir machen und dass wir einen professionellen Anspruch haben. Ich denke, dass die Website gerade für die Ansprache der Unternehmen wichtig ist.

Schwegler: Das kann ich bestätigen. Unsere Website gibt es ja auch erst seit fünf Jahren. Sie hat unsere Öffentlichkeitsarbeit sehr vereinfacht, weil wir dort unsere Arbeit darstellen und wichtige Informationen zusammentragen können. Ansonsten haben wir mit verschiedenen Veranstaltungen und unserem Unternehmenspreis bereits viele konkrete Ergebnisse geschaffen, die für sich sprechen.

Haben Sie aus den 12 Jahren Chemnitzer Bündnisarbeit vielleicht noch einen Praxistipp für das Bündnis in Aurich?

Schwegler: Es ist wichtig, einen langen Atem zu haben und dran zu bleiben, auch wenn es Tiefpunkte gibt. Und die kommen sicherlich. Aber dann geht es auch wieder weiter.

Grau: Wir haben schon gemerkt, dass einige Termine super laufen, und andere weniger. Daher beruhigt es mich zu hören, dass es Ihnen nicht anders geht.

Sie haben sich im Vorfeld des Gesprächs auch gegenseitig eingeladen. Wird es denn einen Besuch geben?

Schwegler: Darüber würden wir uns sehr freuen. Die Einladung steht.

Grau: Vielleicht finden wir ja einen Anlass, zum Beispiel unser jährliches Familienfest. Ich freue mich, wenn wir in Kontakt bleiben.

 

Das Lokale Bündnis in Chemnitz

LoBü-C steht seit 2005 für Familienfreundlichkeit in Chemnitz. Das Bündnis war eines der ersten in Deutschland. Corinna Schwegler vom solaris Förderzentrum für Jugend & Umwelt teilt sich die Koordination mit Sabine Kunze von der Chemnitzer IHK.

 

Das Lokale Bündnis in Aurich

„Wir sind Aurich“ ist das Motto des Lokalen Bündnisses in Aurich im Ostfriesland. Es kam Anfang 2017 zur Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ hinzu. Sandra Grau vom Familienzentrum hält gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragen Birgit Ehring-Timm und dem Leiter der Kreisvolkshochschule Andreas Epple die Fäden in der Hand. 

 

 

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